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Frühjahr 2006
Liebe RIDER´S
GUIDE-Leser, 
während
ein motorisiertes Zweirad zum Schnellsten zählt, was sich auf deutschen
Autobahnen legal bewegen darf, dreht sich anderes in der Motorradwelt
deutlich langsamer als in den anderen Branchen!
Die
Hersteller bauen Hightec-Zweiräder, aber ABS, Katalysator oder die aktuell drohende ASU läuft
den Vierbeinern jeweils um einige Jahre hinterher! Und auch Motorradvollsortimenter begannen erst
mit mehrjähriger Verzögerung nach Otto & Co, ihr Warenangebot auf
CD-ROM und später im Internet anzupreisen. Während moderne Faktura-Programme
und Lagerwirtschaftsysteme längst gängig in allen Branchen Einzug
hielten, fakturierten Motorradhändler ihre Ware noch per
Zettelwirtschaft und nicht wenige erledigen ihre Buchführung auch
heute noch mit dem Kugelschreiber.
Ähnlich die Entwicklung bei den
Motorradreisebüchern:
Gedruckte Tourentipps - im Wander-, Bergsteiger- oder Fahrradsegment seit mehreren Dekaden
gut verbreitet - eroberten mit Ausnahme weniger Einzelproduktionen
erst seit ca. 1995 die
Bikerregale. Und motorradfahrerfreundliche Gastronomen oder Hoteliers,
die waren Anfang der 90er Jahre ein unbekanntes Fremdwort... Heuer
im
Jahr 2006 gibt es viele "Navis", aber wir warten immer noch auf einen elektronischen Scout,
der uns per GPS ordentlich über unsere geliebten Geheimrouten mit
kurvengeschwängerten
Straßen eben ohne den berühmten Fahrbahn-Mittelstreifen führt:
Aktuell schafft es aber immer noch kein einziges Gerät, diese Routen bequem
und bikerfreundlich einzugeben!
Nach
dem regelmäßig verzögerten Zündfunken produziert die motorisierte
Zweiradwelt
dann aber ein unglaubliches Überangebot, so wie wir es Jahr
für Jahr im Januar an den Tankstellen
vorfinden, wenn für "nur" rund 5 Millionen Motorradfahrer die dicken
Versandkataloge der Vollsortimenter an den Kunden gebracht werden
wollen. Wer hat eigentlich einmal die daneben liegenden Autokataloge gezählt?
Tourentipps
ohne Ende... Der Weg ist das Ziel, Hauptsache Kurven
und ein Rundkurs sollte es schon sein. Am besten mit schnell anfahrbahren
Start- und Zielpunkten, so sieht er aus, der ideale Tourenvorschlag!
Aber wieviel Ideen sucht der Tourer wirklich? Erinnert
das nicht an die bekannte
Fragestellung, wieviel Schuhe eine Lady braucht? Augenzwinkernd wird diese
ja mit
"ausreichend viele" beantwortet...
Wer
kauft alle die vom Handel
angepriesenen Motorrad-Tourenvorschläge oder lädt die im WEB angebotenen Routen herunter?
Wieviel
Biker fahren diese Touren dann tatsächlich halbwegs detailgetreu ab? Wer nutzt ganze GPS-Datenpakete
als seinen persönlichen "Tourguide"? Klar, das sind
wohl die meist von der Technik begeisterten
Jungs!
Aber was wünschen sich die Jahr für Jahr die statistisch zulegenden
Bikerladies, die schon auf unseren Ausstellungsständen bei der Erkundung neuster Motorradreiseliteratur stets
die Nase vorne
hatten? Welche Tourenziele werden
sich im "gemeinsamen" Europa als Renner durchsetzen und welche werden
ein Geheimtipp bleiben?
Mittlerweile
gibt es allein für Deutschland und den Alpenraum so viele Motorrad-Tourentipps in Broschüren & Büchern, auf Karten, in den Fachzeitschriften
und vor allem im Internet, dass ein Durchschnittsfahrer theoretisch weit über seine
statistische Lebenserwartung versorgt wäre... Und obwohl seit 1995
in nur sieben Jahren ein Marktsättigung
bei Motorradreisebüchern entstand, rollen immer mehr Neuerscheinungen aus
den Pipelines der Verlage. Nach einigen Marktbereinigungen und Hin-
und Her-Verkäufen auch unter den Verlagshäusern sind einige ältere
Titel, die durch Einstellungen einiger Firmenaktivitäten vergriffen
waren (z.B. bei Südwest und bei Steiger), mittlerweile als
"Neuerscheinung" in anderen Verlagen wieder zum
Leben erwacht. Wir werden testen, ob diese Titel dabei wenigstens
aktualisiert
wurden.
Das wurde nun auch Zeit: Touristiker entdecken die
Motorradfahrer! Nach
"Montainbiker", "Nordic-Walker" und
"Wellness-Wanderer" haben die Touristiker
allmählich motorisierte Zweiradfahrer als Kunden-Zielgruppe im Auge:
Hervorragende Konzepte im Sauerland, Schwarzwald und auch im italienischen
Trentino belegen eindrucksvoll diese Entwicklung! Und bikerfreundlich gesinnte
Stadtväter schaffen Innenstadtparkplätze und schon einmal ein bis
zwei Seiten Platz im Image-Ortsprospekt.
Seit fünf Jahren wird
in der Pfalz auf dem jährlichen "Hambacher Bikerfest" die motorradfahrerfreundlichste Stadt
prämiert! Bis heute kennt zwar weder die Motorradwelt noch der verbleibende
Rest der Republik die MID e.V. (Motorradinitiative Deutschland),
die sich das freundlicherweise
ausgedacht hat, aber immerhin können sich
die auserwählten Städte einmal mehr medienwirksam in Szene setzen.
Goslar am Harzrand hat es 2005 erwischt, wohl dank einiger
neu eingerichteter Motorradparkplätze. Prompt
wurde auf Engagement der Biker Union e.V. und der Christlichen Motorradfahrer
in der Stadt beschlossen, die Harzer Fahrsaison für 2005
dank dem erteilten Prädikat mit einem großen Event auf
dem mittelalterlichen Marktplatz zu eröffnen: Von der bemerkenswerten
Veranstaltermixtur wurde dann auch die
Redaktion RIDER´S GUIDE zum Event eingeladen - nicht als
Medienvertreter, sondern als potenzieller Aussteller: Zu saftigen
Standgebühren! Da hätten hiesige Händler ihr Geld
besser für die nächste Motorradausstellung in Hannover oder Göttingen
aufgespart, so mancher Standinhaber dürfte sich
in der schönen Kaiserstadt gleich zwei blaue Augen geholt haben...
Bekanntlich
denken längst nicht alle Verwaltungs-Repräsentanten motorradtouristisch:
In so mancher Ecke in dieser Republik diskutieren die Regionalpolitiker
bekanntlich lieber über Streckensperrungen. Und gelegentlich
wird das Rad auch mal rückwärts gedreht! Ein aktuelles Beispiel liefert Südtirol. Nach
Beschluss der Bozener Landesregierung am 29. August 2005 wird ab
2006 eine Mautgebühr auf die Benutzung der Timmelsjochstraße
eingeführt, auf der österreichischen Seite in Tirol kennen wir das
ja schon. Nach Auswertung der ersten Wochen folgen dann mit hoher
Wahrscheinlichkeit die Stilfserjochstraße und
der Staller Sattel. Nach dieser "Projektphase" soll die Gebührenerhebung
2007 auch auf mehrere Dolomitenpässe ausgeweitet werden! Es braucht
keine Propheten, um vorherzusagen, dass "Alto Adige"
als bislang beliebteste Motorradregion Europas dann mehr
als nur ein paar Federn lassen wird, wenn im Dolomiten-Pässekarussel
pro Kurvenfeuerwerk 5 bis 10 Euro Motorradmaut abzudrücken sind.
Da werden auch die neuen "motorradfahrerfreundlichen Leitplanken"
(was für ein absurder Begriff!), die Südtirol ab diesem Jahr an
kritische Ecken montieren lässt, nicht mehr nach vorne punkten... Unterkunftsanbieter in Slowenien dürften
sich da allmählich die Hände reiben...
Ein schräglagenschwangeres 2006
wünscht Euch Euer Joe
Redaktion RIDER´S GUIDE, 25.01.2006
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